07 Jan

Michel im Glück

 

SRF 2 kultur aktuell 7.1.19, Michel Houllebecq: Serotonin. Roman

Mod: Vier Jahre nach seinem Roman «Unterwerfung» über ein Frankreich unter der Scharia meldet sich der französische Autor Michel Houellebecq mit einem neuen Werk zurück. 

«Serotonin» heisst es. Und das Buch hat schon vor seinem Erscheinen zu Reden gegeben: er sei wieder eine böse Abrechnung mit der Gegenwart, UND: Houellebecq habe die Proteste der Gilets Jaunes in Frankreich vorausgesagt. 

Nun ist der Roman erschienen (am Freitag in Frankreich – heute ist auch die Übersetzung erhältlich). Sie, Felix Schneider, haben ihn gelesen: Ihr erster Eindruck?

FS: Houllebecq hat sich neu erfunden. Verglichen mit seinen vorigen Werken setzt er mit «Serotonin» einen thematischen Bruch und er experimentiert mit einer ungewöhnlichen Art von Erzähler. Im Unterschied zur Neuen Zürcher Zeitung finde ich: Es ist kein typischer Houllebecq.

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16 Nov

Mit dem Paternoster zur Lyrik

Haus des Rundfunks von Hans Poelzig eröffnet 1931Im Haus des Rundfunks Berlin

Mit diesem Paternoster im Art Deco-Prachtbau
des Hauses des Rundfunks an der Charlottenburger Masurenallee
sind wir zum Gespräch gefahren: Jan Wagner und ich.
Zum Gespräch über seine Lyrik.
Über Ted Hughes
Und über eine israelische Überraschung.
Zu hören auf SRF 2 Kultur am Freitag 16. November um 20 Uhr und am Sonntag 18.11. um 15.03, und danach jederzeit im Netz.

 

Jan Wagner

Jan Wagner

11 Okt

Weiss, Mann, Normalo?

Normalo?

Die Kulturwissenschaftlerin Silvia Henke hat im Infosperbervom 27. September gefragt, wie treffend und erhellend die Kategorie «weisser Mann» sein könnte. Als älterer Mann kann ich zur Erörterung der Frage etwas beitragen, schon weil ich, pädagogisch gesehen, ein Fossil bin. Ich habe in Basel ein bürgerlich-elitäres, humanistisches Gymnasium besucht, das damals noch eine «reine» (!) Männerschule war. Es gab «intra muros» nur Schüler und Lehrer, und die kamen aus der weissen Schweizer Mittel- und Oberschicht. Auf die zwei, drei Sonderlinge von angepassten Unterschichtskindern war die Schule stolz. Nichtweisse gab es nicht.

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10 Okt

AUSZUSCHAFFEN!

Erfahrungen als Besucher im AusschaffungsgefängnisPerformance

Nochmals zu sehen am 11. und 12. Oktober um 20:00 Uhr in der Embassy of Emesa am Voltaplatz in Basel.

UND im Radio als Beitrag in der Sendung „Kultur kompakt“

Was befürchten Sie, wenn Sie in ein Theaterstück über Flüchtlinge gehen?
Ich befürchte: Kitsch, Peinlichkeiten – und Elendsschilderungen, die mich beschämen.

Die Performance „Auszuschaffen“ vermeidet solche Gefahren schon durch ihre karge Ästhetik. Ort des Spiels ist ein kleiner kahler Raum, ohne Bühne oder Podest, nur unvollständig gegen den Strassenlärm abgedichtet. Ausser zwei Stühlen und einem Tisch gibt es keine Requisiten. Zwei Spielende, eine junge Frau und ein junger Mann in weissen Hemden und dunklen Hosen, verkörpern keine Figuren. Ihre Bewegungen und Gesten sind streng choreographiert. Sie führen ein Gespräch: was gesagt wird, ist festgelegt. Wer von den beiden was sagt, ist offen, und muss jeden Abend unter den Spielenden im Moment ausgehandelt werden.

Texter und Regisseur Silvan Rechsteiner, 23 Jahre jung, hat im Basler Ausschaffungsgefängnis Besuche gemacht. Seine Erfarhungen dort hat er in Zusammenarbeit mit dem Dramaturgen Stephan Teuwissen zuerst in Briefe an den abzuschiebenden Hassen gegossen. Briefe, die nie abgeschickt wurden. Sie ergeben das Gerüst für die Performance, in der Rechsteiner ganz bei sich, seinen Erfahrungen, seinen Erinnerungen bleibt. Da ist z.B. die glückliche Ankunft in der Ferien- Destination nach einer Schiffsfahrt übers Mittelmeer. Land in Sicht!

[Audio: 2.1) Flugzeuge. Schönes Ankommen, 00:00:20,85]

Erinnerungen auch an eine behütete Kindheit. Fussballspiele mit dem unterdessen verschwundenen Freund Bayran. Erinnerungen an Winterabende, an Posaunenunterricht

[Audio: 5.2) Posaunenunterricht gek 2, 00:00:34,68]

Und was haben solche Erinnerungen mit Abschiebungen zu tun? Das fragen sich die Spielenden in immer wieder eingeschobenen reflexiven Passagen auch. Etwas Merkwüdiges geschieht. In den Rahmen des Themas Abschiebung gestellt, laden sich die Erinnerungen an Ferien, an Schiffe, an Flugzeuge mit Informationen und Bildern über Flucht auf. Neue Fragen entstehen: Was macht ein Abzuschiebender mit der Maxime „Motivation ist eine Eigenleistung“. Auch die Sprache wird in Mitleidenschaft gezogen. Was soll der Besuchende den Besuchten schon fragen? Wie geht es Dir?

[Audio: .17) wie geht es Dir? gek 1, 00:00:28,36]

Woran denken Sie, wenn Sie ein Flugzeug oder ein Schiff sehen? Die Performance AUSZUSCHAFFEN arbeitet der Abspaltung entgegen. Sie verknüpft die Informationen – Informationen über Flucht und Ausschaffungen – mit unseren Erfahrungen, Wahrnehmungen, Erinnerungen. Das ist eine Leistung.

26 Sep

Mit Mariella Mehr gegen die Antimenschenrechtsinitaitive der SVP

Gegen die Mogelpackung „Selbstbestimmungsinitiative“

hat der AdS-Vorstand eine gute Erklärung verfasst:

NEIN zur sogenannten Selbstbestimmungsinitiative
Ein Aufruf des AdS für die Menschenrechte und die Freiheit der Literatur

Am 25. November 2018 stimmt das Schweizer Stimmvolk darüber ab, ob der Bundesrat in naher Zukunft gezwungen wird, die Europäische Menschenrechtskonvention EMRK zu kündigen. Auch weitere Abkommen und bilaterale Verträge sind in Gefahr. Aber den Initianten der Volksinitiative «Schweizer Recht statt fremde Richter (Selbstbestimmungsinitiative)» geht es in erster Linie um die Menschenrechte. Das wird aus der Ent‐ stehungsgeschichte klar: Die Initiative wurde von der SVP lanciert, weil die Partei mit Volksbegehren die Bundesverfassung in Konflikt zur EMRK gebracht hatte. Zum Beispiel mit der Forderung nach automatischer Ausschaffung straffälliger Ausländerinnen und Ausländer.

In der Schweiz kann eine Mehrheit des Stimmvolks und der Kantone die Verfassung ändern. Eine Demokra‐ tie wird aber ohne den Schutz der Menschenrechte zur Diktatur der Mehrheit. Die Justiz muss Mehrheits‐ entscheide korrigieren können, wenn Einzelne oder ganze Minderheiten zu Menschen zweiter Klasse ge‐ macht werden. Für die Schweiz nimmt diese Funktion in letzter Instanz der Europäische Gerichtshof für Menschrechte in Strassburg wahr. Wer dieses Korrektiv abschaffen will, fordert nicht Selbstbestimmung, sondern das Vorrecht der Mehrheit, ungehindert über die Rechte der Einzelnen zu bestimmen.

Mariella Mehr, Verfasserin von „steinzeit“

Die Schriftstellerin Mariella Mehr hat einen solchen Zustand in ihrem Roman «steinzeit» beschrieben, der 1981 erstmals erschienen ist: «…dort rechtet, was zum richten geboren, dort werden das dunkle über‐ schwiegen, akten geführt, säuberlich numeriert…» Es folgt eine vehemente und poetische Attacke auf ein Verwaltungssystem, das jahrzehntelang jenische Kinder zu Verdingkindern machte. Im selben Jahr 1981 fiel eines der rechtlichen Mittel, mit dem auch Erwachsene, die den Alltagsnormen der Gesellschaft nicht ent‐ sprachen, weggesperrt werden konnten: Die «administrative Versorgung» wurde infolge der EMRK aufge‐ hoben. Sowohl «steinzeit» als auch diese Gesetzesänderung sind Meilensteine für die Schweiz.

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21 Sep

Weiberhaushalt und Mackergemeinschaft

Die Wochenzeitung – 20. September 2018 Ausgaben-Nr. 38, Seite: 25, Kultur / Wissen

Buch

Im reaktionären Genderprogramm

Felix Schneider

Jérôme Meizoz: «Den Jungen machen». Roman. Aus dem Französischen von Corinna Popp. Elster Verlag. Zürich 2018. 150 Seiten. 18 Franken.

In der Romandie ist der Literaturdozent und Schriftsteller Jérôme Meizoz eine bekannte Grösse, in der Deutschschweiz aber kennt ihn kaum jemand. Das sollte sich ändern. Sein kristallklarer 150-Seiten-Roman «Faire le garçon», auf Deutsch «Den Jungen machen», ist intellektuell brillant, politisch brisant, sprachlich bezaubernd – und wurde mit dem Schweizer Literaturpreis 2018 ausgezeichnet.

Meizoz hat zwei Geschichten ineinander verflochten wie einen Zopf. Wir springen kapitelweise zwischen der einen und der anderen Geschichte hin und her: In der autobiografischen und dokumentarischen «Recherche» erzählt er von seiner Kindheit und Jugend im Wallis der siebziger Jahre. Er berichtet von den fehlgeschlagenen Versuchen, aus ihm einen richtigen Kerl zu machen. Entgegen allen vordergründigen Liberalisierungen wird in kleinen Alltagsbemerkungen, im Verhalten, in Dorfbräuchen und Festen, im Turnverein, bei der Pfadi und über Peergroups in Geist und Körper der Mädchen und Jungs ein reaktionäres Genderprogramm verankert. Jérôme allerdings ist nach dem Suizid seiner Mutter von Tanten und Cousinen in einem «Weiberhaushalt» erzogen worden und erweist sich vielleicht auch deshalb als letztlich immun gegen die «Mackergemeinschaft». Die zweite Geschichte, die Meizoz erzählt, ist frei erfundene Fiktion: Ein Junge beschliesst, als Prostituierter zu leben. Er erfüllt den Frauen alle Wünsche – ausser der Penetration. Dieser Erzählstrang ist eine Hymne auf eine mögliche Befreiung der Körper, auf eine mögliche Sinnlichkeit jenseits von althergebrachter und neuerdings wieder offen geschätzter Konvention, Zucht und Ordnung. Die deutsche Übersetzung glättet zwar die sprachlichen Rauheiten des Originals, versperrt aber den Blick auf das Buch nicht.

Bisher sind zwei andere Werke von Meizoz übersetzt: «Hoch oben im Tal der Wölfe», ein Roman über das Attentat auf einen Walliser WWF-Delegierten. Und «Séismes», ein impressionistisches Walliser Provinzgemälde, das bisher trotz der guten Übersetzung von Kurt Meyer keinen Verlag gefunden hat.

Felix Schneider

Gewalt im Wallis 1991

Der junge Mann liegt auf dem Fussboden, blutend. Er ist ein Umweltschützer im Wallis.

Landschaft

Albert Gos 1852 – 1942: Paysage

 

 

 

16 Sep

Generalstreik 1918: Theater in Olten und ein Grossvater

Viel Lärm um nichts in Olten

Die Regisseurin des Generalstreiksspektakels in Olten vertraut weder ihrem Stoff, noch den historischen Figuren noch den Mitwirkenden. Weder erzählt sie Geschichten vom Generalstreik, noch werden Menschen von damals lebendig, noch erscheinen die Mitwirkenden in ihrer Auseinandersetzung mit dem Stoff. Das Spektakel lebt von inhaltslosem Aktivismus. Hektik breitet sich aus. Ständig rennen Leute über die Spielfläche, klettern durch Fenster, steigen Säulen hoch, tauchen aus Versenkungen auf. Viel Lärm wird veranstaltet. Wagen werden reingeschoben, Metallknaller erzeugt, Holzdeckel auf den Boden gedonnert. Ein Choreograph bewegt Hunderte von Leuten: nett gestaltet, aber inhaltslos. Es bewegt sich halt immer etwas. Resultat: Zerstreuung. Vom Streik versteht man nichts. Die meisten Texte sind schon rein akustisch nicht zu verstehen, jedenfalls hab ich sie nicht verstanden, und meine beiden Nachbarinnen rechts und links von mir auch nicht. Auch in der Abfolge der Szenen herrscht heilloses, undurchschaubares Durcheinander.  Von den Laien wird genau das verlangt, was sie nicht können: Identifikation, Schauspielern, papierene Texte verlebendigen. So sind sie peinlich, mitleiderregend. Eine Form, in der sie ihre spezifischen Qualitäten ausspielen können, wurde nicht gefunden. Insgesamt: Eine vertane Chance – der Generalstreik wäre ein wichtiges, auch dieser Tage viel zu wenig beachtetes Thema. Und das Spektakel hatte ja offenbar viel Geld zu Verfügung – zu viel.

Und wo bleibt das Positive? Die Musik! Da war ein Mittelding zwischen damals und heute zu hören, ein distanzierter Rückblick, der der Aufführung sonst fehlte. Und der Raum ist schön. Die Beleuchtung raffiniert. Technisch also paletti, aber inhaltslos.

Blocher, der Geschichtsverdreher

A propos 100 Jahre Landesstreik: Der Historiker Stefan Keller schreibt: „Im November will Christoph Blocher meinen Grossvater ehren. Er hat dazu eine Veranstaltung angekündigt mit alten Uniformen, Fahnen, Blocher-Gerede und Firlefanz.»

GROSSVATERS TAGEBUCH: «Erinnerungen aus den Diensttagen im November 1918» von Paul Keller. (Foto: zvg)

Paul Kellers Tagebuch aus der Zeit des Generalstreiks.

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05 Sep

DIE REIHE publiziert den 50. Band.

Vom DU zur BRÜCKE…

DIE REIHE für Gedichte bringt 50. Band

Band 1 (rechts) und Band 50 der REIHE

DIE Lyrik-REIHE, herausgegeben von Markus Bundi, ist angewachsen auf Band 50. Gratuliere! Wie es dazu kam und wie es so geht erzählt Markus Bundi auf SRF 2 Kultur. 

Das erste Gedicht im ersten Band von Sascha Garzetti:

du bist mir in den Dingen
der Sprache dem Satz
dem fremden
ein Wort

Der erste Aphorismus im 50. Band von Hans Ulrich Bänziger:

Brücken haben es an sich, quer zu stehen.

DIE REIHE steht quer, verbindet und eröffnet Wege. Im Wolfbach Verlag

 

21 Aug

Uri Avnery – Urgestein Israels

Beitrag online ab 21. 08. 2018 auf infosperber.ch
Autor:
Felix Schneider
Titel:
Uri Avnery – Urgestein Israels
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Lead:
Uri Avnery setzte sich ein Leben lang für eine friedliche Lösung im Nahost-Konflikt ein. Dafür wurde er bewundert und gehasst.
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Inhalt:
Uri Avnery, einer der letzten Gründerväter Israels, Friedensaktivist, Journalist, Politiker, Buchautor, ist knapp 95-jährig in Tel Aviv gestorben. Mit ihm geht eine Epoche zu Ende, und er hinterlässt ein politisches Vermächtnis.

Wie war es möglich, dass Uri Avnery, der doch zeitlebens ein Einzelgänger war, eine derart enorme Wirkung entfalten konnte? Sicher, er hat Gruppen animiert, Parteien und den Friedensblock Gusch Shalom gegründet. Aber das waren Gruppen um ihn herum. Er war und blieb ihr Herz und Antrieb. Als Einzelmaske hat er zeitweise ganz Israel beschäftigt und internationale Berühmtheit erlangt. Wenn heute die einst verpönte Zweistaatenlösung allgemein anerkannt ist, wenn sogar Trump und Netanjahu von ihr reden (ohne sie realisieren zu wollen) so ist das ein Sieg, an dem Uri Avnery grossen Anteil hat: ein bitterer Sieg, denn zur gleichen Zeit ist die nun siegreiche Idee der Zweistaatenlösung nicht mehr realisierbar. Avnerys grösster Erfolg kommt zu spät und ist deswegen auch eine Niederlage.

Ostermann wird Avnery
Avnerys enormer Einfluss beruhte auf seiner Biographie, seiner Konsequenz und seiner Phantasie. Er war israelischer Patriot und überzeugter Zionist, und dafür hat er bezahlt. Sein Bruch mit der deutsch-jüdischen Vergangenheit war resolut. Und das war keine Selbstverständlichkeit für den 1923 in Beckum/Westfalen geborenen und in Hannover aufgewachsenen Helmut Ostermann. Sein Vater, seine Mutter, seine Schwiegereltern, sie alle waren zwar Zionisten, gehörten aber zu den Jeckes, die auch in Palästina/Israel Jeckes blieben. Um das zu illustrieren erzählte Avnery eine Anekdote seiner Schwiegermutter. Sie war im hohen Alter mit einer Freundin konfrontiert, die ihr sagte: Jetzt lebst du seit 50 Jahren im Lande und kannst noch immer kein Wort Hebräisch. Schämst du dich nicht?» Die alte Dame sagte: «Natürlich schäme ich mich. Aber es ist leichter, sich zu schämen, als Hebräisch zu lernen.» Weiterlesen