16 Sep

Generalstreik 1918: Theater in Olten und ein Grossvater

Viel Lärm um nichts in Olten

Die Regisseurin des Generalstreiksspektakels in Olten vertraut weder ihrem Stoff, noch den historischen Figuren noch den Mitwirkenden. Weder erzählt sie Geschichten vom Generalstreik, noch werden Menschen von damals lebendig, noch erscheinen die Mitwirkenden in ihrer Auseinandersetzung mit dem Stoff. Das Spektakel lebt von inhaltslosem Aktivismus. Hektik breitet sich aus. Ständig rennen Leute über die Spielfläche, klettern durch Fenster, steigen Säulen hoch, tauchen aus Versenkungen auf. Viel Lärm wird veranstaltet. Wagen werden reingeschoben, Metallknaller erzeugt, Holzdeckel auf den Boden gedonnert. Ein Choreograph bewegt Hunderte von Leuten: nett gestaltet, aber inhaltslos. Es bewegt sich halt immer etwas. Resultat: Zerstreuung. Vom Streik versteht man nichts. Die meisten Texte sind schon rein akustisch nicht zu verstehen, jedenfalls hab ich sie nicht verstanden, und meine beiden Nachbarinnen rechts und links von mir auch nicht. Auch in der Abfolge der Szenen herrscht heilloses, undurchschaubares Durcheinander.  Von den Laien wird genau das verlangt, was sie nicht können: Identifikation, Schauspielern, papierene Texte verlebendigen. So sind sie peinlich, mitleiderregend. Eine Form, in der sie ihre spezifischen Qualitäten ausspielen können, wurde nicht gefunden. Insgesamt: Eine vertane Chance – der Generalstreik wäre ein wichtiges, auch dieser Tage viel zu wenig beachtetes Thema. Und das Spektakel hatte ja offenbar viel Geld zu Verfügung – zu viel.

Und wo bleibt das Positive? Die Musik! Da war ein Mittelding zwischen damals und heute zu hören, ein distanzierter Rückblick, der der Aufführung sonst fehlte. Und der Raum ist schön. Die Beleuchtung raffiniert. Technisch also paletti, aber inhaltslos.

Blocher, der Geschichtsverdreher

A propos 100 Jahre Landesstreik: Der Historiker Stefan Keller schreibt: „Im November will Christoph Blocher meinen Grossvater ehren. Er hat dazu eine Veranstaltung angekündigt mit alten Uniformen, Fahnen, Blocher-Gerede und Firlefanz.»

GROSSVATERS TAGEBUCH: «Erinnerungen aus den Diensttagen im November 1918» von Paul Keller. (Foto: zvg)

Paul Kellers Tagebuch aus der Zeit des Generalstreiks.

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05 Sep

DIE REIHE publiziert den 50. Band.

Vom DU zur BRÜCKE…

DIE REIHE für Gedichte bringt 50. Band

Band 1 (rechts) und Band 50 der REIHE

DIE Lyrik-REIHE, herausgegeben von Markus Bundi, ist angewachsen auf Band 50. Gratuliere! Wie es dazu kam und wie es so geht erzählt Markus Bundi auf SRF 2 Kultur. 

Das erste Gedicht im ersten Band von Sascha Garzetti:

du bist mir in den Dingen
der Sprache dem Satz
dem fremden
ein Wort

Der erste Aphorismus im 50. Band von Hans Ulrich Bänziger:

Brücken haben es an sich, quer zu stehen.

DIE REIHE steht quer, verbindet und eröffnet Wege. Im Wolfbach Verlag

 

21 Aug

Uri Avnery – Urgestein Israels

Beitrag online ab 21. 08. 2018 auf infosperber.ch
Autor:
Felix Schneider
Titel:
Uri Avnery – Urgestein Israels
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Lead:
Uri Avnery setzte sich ein Leben lang für eine friedliche Lösung im Nahost-Konflikt ein. Dafür wurde er bewundert und gehasst.
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Inhalt:
Uri Avnery, einer der letzten Gründerväter Israels, Friedensaktivist, Journalist, Politiker, Buchautor, ist knapp 95-jährig in Tel Aviv gestorben. Mit ihm geht eine Epoche zu Ende, und er hinterlässt ein politisches Vermächtnis.

Wie war es möglich, dass Uri Avnery, der doch zeitlebens ein Einzelgänger war, eine derart enorme Wirkung entfalten konnte? Sicher, er hat Gruppen animiert, Parteien und den Friedensblock Gusch Shalom gegründet. Aber das waren Gruppen um ihn herum. Er war und blieb ihr Herz und Antrieb. Als Einzelmaske hat er zeitweise ganz Israel beschäftigt und internationale Berühmtheit erlangt. Wenn heute die einst verpönte Zweistaatenlösung allgemein anerkannt ist, wenn sogar Trump und Netanjahu von ihr reden (ohne sie realisieren zu wollen) so ist das ein Sieg, an dem Uri Avnery grossen Anteil hat: ein bitterer Sieg, denn zur gleichen Zeit ist die nun siegreiche Idee der Zweistaatenlösung nicht mehr realisierbar. Avnerys grösster Erfolg kommt zu spät und ist deswegen auch eine Niederlage.

Ostermann wird Avnery
Avnerys enormer Einfluss beruhte auf seiner Biographie, seiner Konsequenz und seiner Phantasie. Er war israelischer Patriot und überzeugter Zionist, und dafür hat er bezahlt. Sein Bruch mit der deutsch-jüdischen Vergangenheit war resolut. Und das war keine Selbstverständlichkeit für den 1923 in Beckum/Westfalen geborenen und in Hannover aufgewachsenen Helmut Ostermann. Sein Vater, seine Mutter, seine Schwiegereltern, sie alle waren zwar Zionisten, gehörten aber zu den Jeckes, die auch in Palästina/Israel Jeckes blieben. Um das zu illustrieren erzählte Avnery eine Anekdote seiner Schwiegermutter. Sie war im hohen Alter mit einer Freundin konfrontiert, die ihr sagte: Jetzt lebst du seit 50 Jahren im Lande und kannst noch immer kein Wort Hebräisch. Schämst du dich nicht?» Die alte Dame sagte: «Natürlich schäme ich mich. Aber es ist leichter, sich zu schämen, als Hebräisch zu lernen.» Weiterlesen

20 Aug

Uri Avnery ist tot

Uri Avnery, veteran peace activist and among first Israelis to meet Arafat, dies at 94

The Gush Shalom founder was one of the first Israelis to actively seek a Palestinian state as a peaceful solution to the conflict: ‘The difference between a freedom fighter and a terrorist depends on your perspective’

Ofer Aderet | Aug. 20, 2018 | 7:21 AM | 5

Veteran left-wing journalist, lawmaker and peace activist Uri Avnery died Monday at age 94 in Tel Aviv. A founder of the Gush Shalom peace movement, Avnery was also one of the first Israelis to actively advocate for the establishment of a Palestinian state, more than 70 years ago.

As a youth he fought with the Irgun pre-state underground militia and later in life moved to the left of the political spectrum. He was also editor-in-chief of the iconic liberal weekly, Haolam Hazeh, for 40 years.

The eternal peace activist never shirked controversy and was involved in fateful events in the country’s history, some of which he documented and others he actively took part in shaping. But while Avnery’s supporters saw his ideas as groundbreaking, detractors denounced him as an enemy of the people.

>> Read More: Uri Avnery at 90: Still leftist, after all these years ■ How a Mossad plot to kill Yasser Arafat nearly cost me my life

Avnery asked to be cremated, for his archives to be donated to the National Library, and his money toward peace activism. He summarized his life by noting that while his ideals “won a resounding victory” theoretically, in practice they “were defeated politically.” Weiterlesen

18 Aug

Willkommen in Rumänien, Teil 2: Willkommen im Donaudelta!

Die Führung durch das unbekannte Bukarest von Catalin Dorian Florescu geht weiter. Und dann fahren wir in das bedrohte Paradies Donaudelta. Dort spielt ein grosser Teil von Florescus letztem Roman „Der Mann der das Glück bringt“:

Donau-Delta

Im Donaudelta

Catalin führt uns unter anderem auf den „Internationalen Friedhof“ der einst blühenden Hafenstadt Sulina. Hier hat sich die leprakranke Elena versteckt –  damals, im Roman:

Leichenwagen in Sulina

Sulina, Rumänien

Bukarest, Tulcea, Mila, Sulina: Mit Catalin Dorian Florescu in Rumänien. Zum Hören!

14 Aug

Angriff von rechts – Verleugnen hilft nicht

Kiosk im Trump Tower, New York

Kiosk im Trump Tower, New York Oktober 2017

Kontertext für Infosperber

Bannon plant Attacke auf die EU. Trump deckt Neonazis. Die Rechte ist im Vormarsch. In den Schweizer Medien herrscht Ruhe.

 

Charlottesville – erinnern Sie sich?

Vor einem Jahr trugen Tausende von Neonazis zwei Tage lang Fackeln durch Charlottesville in Virginia / USA. Sie schrien «Ihr werdet uns nicht ersetzen» und «Juden werden uns nicht ersetzen». Viele waren bewaffnet und prügelten auf Gegendemonstranten ein. Schliesslich raste ein weisser Nationalist mit seinem Auto vorsätzlich in eine Gruppe von Gegendemonstranten, verletzte 19 Menschen und tötete eine junge Frau. Präsident Trump dazu: «Es gab Schuld auf beiden Seiten. Und es gab sehr feine Leute auf beiden Seiten.» Weiterlesen

25 Jul

Männer im Wallis und anderswo

Ein Mann, ein richtiger Mann

sollte aus ihm werden: aus Jérôme Meizoz, geboren 1967 in Vernayaz / St. Maurice im Wallis.

Doch Dorf, Turnverein, Pfadis, Schule und Vater mühten sich vergeblich. Er war ein Junge mit einem Mädchenherzen, zu lange in einer Frauengesellschaft erzogen: er wurde Schriftsteller und Literaturkritiker. Seine Kindheit und Jugend im Wallis beschreibt er im Roman „Faire le garçon“, auf Deutsch „Den Jungen machen“, verwoben mit der fiktiven Erzählung von einem Jungen, der als Beruf die Prostitution wählt. Von wilden, zärtlichen Phantasien bis zu schockierenden Dokumenten reicht das Buch. Jérôme Meizoz ist bei mir zu Gast in der Sendung „52 Beste Bücher“ am kommenden Sonntag, um 11 und um 20 Uhr auf SRF 2 Kultur – und für Eilige gibts auf der SRF-Webseite auch einen kurzen Podcast. Der ist schon zu hören.