22 Aug

Dem Kunstbetrieb entkommen

Mit Freund Martin Heule habe ich die begehbare Robert Walser-Skulptur von Thomas Hirschhorn auf dem Bahnhofplatz in Biel besucht. Ich empfehle den Besuch des zweistöckigen Hüttendorfs sehr, allerdings nur, wenn man Zeit hat zu verweilen.

Robert Walser-Skulptur Biel

Das ist in der Tat, wie empörte Kritiker sagen, «keine Kunst». Die Installation entzieht sich dem Kunstbetrieb

  • schon durch Verwendung von «nicht exklusiven» (Hirschhorn) Materialen wie Spanplatten, Paletten, Styropor, Karton, Klebebänder. Ein Sitzmöbel, das mit braunen Klebebändern zugeklebt ist, behält seinen Gebrauchswert. Ich kann mich nach wie vor hineinfläzen. Es verliert aber seinen Tauschwert. Preis und Stil sind nicht mehr erkennbar. Ob vom Sperrmüll, aus der Biedermeierzeit oder designed by Corbusier ist nicht mehr zu erkennen.

    Kanapee

    Man sitzt gut

  • den deutlich hervorgekehrten Charakter des Provisorischen, Selbstgebastelten, des JeKaMi. Narrenhände haben die Wände vollgekritzelt, mit Transparenten behängt, mit Zetteln und Fotokopien beklebt, als wär’s ein besetztes Haus

    Hirschhorn und sein Publikum

    Hirschhorn und sein Publikum

  • den Einbezug der Randständigen, die sich auf dem Bahnhofplatz leben. Als ich da war, war Malick die Hauptfigur unter den ZuschauerInnen am amphitheaterartigen Veranstaltungsort: gross, schön, schwarz, scheinbar selbstsicher, total zugedröhnt. Und in permanenter Auseinandersetzung mit Hirschhorn, der täglich 12 Stunden präsent ist. Mickael hat begonnen zu malen, seine Bilder hängen aus. Als er die Lesungen zu sehr störte, hat ihn Hirschhorn angeschrien: Wortlose, grelle Schreie. Und Mickael hat sich beruhigt.

    Malerei von Mickael

    Malerei von Malick

  • der Verwendung von Zeit. Denn Zeit braucht es, um zu erfahren, was Sinn und Zweck dieses Unternehmens ausmacht, nämlich die Begegnung mit anderen Menschen in Gesprächen, durch Beobachten, Sehen und Zuhören. Gerade Zeit aber hat im Kulturbetrieb niemand. SRF Kultur zeigt es exemplarisch: die gestressten KulturberichterstatterInnen kommen einen Tag vor Eröffnung der Skulptur wie zu jeder Vernissage, verfassen Plastiksätze und einen flotten Film über Hirschorn als Provokateur – und haben nichts, aber auch gar nichts mitgekriegt.

Dem Kulturbetrieb entkommen: Das heisst dem Kulturbetreib entronnen. Das heisst aber auch: aus dem Kulturbetrieb gekommen und Bedürfnisse des Kulturbetriebes mit sich tragend. Eines dieser Bedürfnisse bezieht sich, wenn ich von mir auf andere schliessen darf, auf Robert Walser. Wer sich in seine Texte vertiefen will, muss zu Hause bleiben und lesen. Hier vor dem Bahnhof besteht, zumindest während meines Besuches, die Vermittlung von Walsers Texten aus akustisch unverständlichen Lesungen, denen niemand zuhört, und aus einer hilflos-peinlichen Theaterdarbietung, die nicht rüberkommt. Da hätte der Theater- und Kunstbetrieb doch ein paar wirkungsvolle Techniken der Vermittlung und der Arbeit mit Laien zu bieten, die man nicht verachten sollte.

Dann aber setzt sich Michael Otto ans Mikrophon. Er gehört offenbar zu den Randständigen der Bahnhofumgebung, und niemand wusste, dass er seit Jahren Gedichte schreibt. Seine Reime sind gelegentlich von witziger Treffsicherheit:

Manchmal lässt einen das Schicksal hart zu Boden gehen

Da hilft nur: tapfer wieder aufzustehen

Krone richten!

Weiter dichten!

Auf Youtube sind er und viele, viele andere mit ihren Interventionen, von ganz intellektuell bis populär zu sehen und zu hören. Hier ist zu haben, was die Walser-Skulptur leistet: Ein grosser Kommunikationszusammenhang, eine kluge gesellschaftliche Intervention voller Hoffnung und Utopie.

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