07 Jan

Michel im Glück

 

SRF 2 kultur aktuell 7.1.19, Michel Houllebecq: Serotonin. Roman

Mod: Vier Jahre nach seinem Roman «Unterwerfung» über ein Frankreich unter der Scharia meldet sich der französische Autor Michel Houellebecq mit einem neuen Werk zurück. 

«Serotonin» heisst es. Und das Buch hat schon vor seinem Erscheinen zu Reden gegeben: er sei wieder eine böse Abrechnung mit der Gegenwart, UND: Houellebecq habe die Proteste der Gilets Jaunes in Frankreich vorausgesagt. 

Nun ist der Roman erschienen (am Freitag in Frankreich – heute ist auch die Übersetzung erhältlich). Sie, Felix Schneider, haben ihn gelesen: Ihr erster Eindruck?

FS: Houllebecq hat sich neu erfunden. Verglichen mit seinen vorigen Werken setzt er mit «Serotonin» einen thematischen Bruch und er experimentiert mit einer ungewöhnlichen Art von Erzähler. Im Unterschied zur Neuen Zürcher Zeitung finde ich: Es ist kein typischer Houllebecq.

Mod: Was ist denn anders? 

FS: Der thematische Bruch ist schon durch den Titel angedeutet: es ist ein Buch über das Glück. Und literarisch hat er etwas Erstaunliches gemacht: Er hat einen nicht alten, aber schon sterbenden Erzähler erfunden.  

Mod: Wie geht denn das? Wer erzählt? Was wird erzählt?

FS: Erzähler, 46 Jahre alt, Agronom, auf Ökologie spezialisiert, lebt, als wir ihn kennen lernen in der Endphase einer Beziehung. Er trennt sich von seiner japanischen Freundin, ist nun einsam und leidet an Depressionen. Ein Arzt verschreibt ihm Captorix, ein Antidepressivum, es wirkt, aber seine Libido und seine Erektionsfähigkeit verschwinden.  

Er fokussiert sich jetzt auf das Glück, das er erlebt hat. Und er stirbt langsam dahin, mit 47, weil der Verlust der Gefühle und des Begehrens für ihn gleichbedeutend ist mit dem Verlust des Lebens. Er nimmt jetzt Kontakt auf mit den Freundinnen, die er geliebt hat: ganz verschiedene Frauen-Charaktere und sehr unterschiedliche Beziehungstypen sind plastisch dargestellt. Und er nimmt Kontakt auf seinem einzigen männlichen Freund auf. Das alles tut er, um sich davon zu überzeugen, dass er gelebt hat. Am Schluss des Romans ist dieser Erzähler ein alterndes Tier, das ein Lager zum Sterben sucht. 

Mod: Hat dieser Roman denn überhaupt eine Handlung oder spielt sich das ganze Geschehen nur in der Erinnerung des Erzählers ab?

FS: Es gibt viele Erinnerungen und Rückblenden, aber es gibt auch eine Gegenwartsebene im Frankreich von heute. Zu überstehen sind für den einsamen Erzähler die Tage über Weihnachten, Sylvester und Neujahr, in denen die Einsamen noch einsamer sind als sonst im Jahr. Das ist eindrücklich dargestellt. Der Erzähler trifft seine ehemaligen Geliebten, suchte Orte auf an denen er mit ihnen war, erlebt blitzartige Flashbacks, halluziniert Vergangenheit, irrt durch Paris, durch die Bretagne verfolgt von Erinnerungen. Im Lauf der Erzählung kommt er zu einem guten Fernglas und einem Präzisionsgewehr. Mit Fernglas und Gewehr verfolgt er nun  seine ehemalige und immer noch Geliebte Camille. 

Mod: Tönt wie ein Psychodrama.  Das sind aber alles private Geschichten. In den Medien war aber auch die Rede davon, Houllebecq habe die Gelbwesten prophezeit. 

FS: Das Thema Liebe ist nicht nur privat abgehandelt. Houllebecq wirft der Gesellschaft ein Liebes- und Libido-Verlust vor. 

Aber es gibt auch einen direkt politischen Strang: Der Erzähler hat einen männlichen Freund, einen Adligen, der auf einem Gut seiner Familie in der Bretagne Milchwirtschaft betreibt: das gibt Gelegenheit, die Verarmung und Verzweiflung der französischen Bauern darzustellen. Dieser Erzählstrang endet in einer brutalen Jacquerie, einem gewalttätigen Bauernaufstand, wie er in Frankreichs Geschichte seit Jahrhunderten bis in unsere Zeiten vorkam. Davon zu sprechen ist nicht prophetisch, sondern historisch. 

Mod: Sie sind begeistert?

FS: ein paar dumme, unergiebige Seitenhiebe gibt’s auch hier. Z.B. den ärgerlichen Griff in die Mottenkiste der Völkerpsychologie: DieHolländer sind geldgierig usw. Wichtig aber: ein sensibler, differenzierter Liebes- und Zeitroman

https://www.srf.ch/sendungen/kultur-kompakt/depression-und-erektion-der-neue-roman-von-michel-houellebecq

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