09 Sep

Öde in Luzern: Dürrenmatts «Alte Dame» im Stadttheater

Friedrich Dürrenmatt

Friedrich Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» im Luzerner Theater – zerstört vom Regieduo Angeliki Papoulia und Christos Passalis (die, das sei auch gesagt, letztes Jahr in Luzern eine berührende «Alkestis» inszeniert hatten). Die beiden erzählen die Geschichte rückwärts, von Ills Tod bis zur Ankunft der alten Dame. Keine gute Idee. Viele Entwicklungen, auf die es ankommt, lassen sich so nicht mehr begreifen.

 

Zum Beispiel die Entwicklung Ills in Dürrenmatts Original: Ill glaubt sich zuerst in einer Solidargemeinschaft, erlebt eine Desillusion, versucht sich (erfolglos) zu wehren, versucht (erfolglos) zu fliehen und akzeptiert schliesslich sein Schicksal sowie seine Teilschuld, verweigert aber den Güllern den Suizid.

 

Oder: Die Gemeinde Güllen sucht und findet schliesslich eine Möglichkeit, ihren Fassaden-Humanismus mit dem Mord zu vereinen.

 

Die Logik solcher Entwicklungen wird durch das Rückwärtserzählen zerstört. Grundsätzlich erschwert diese Inszenierung das Begreifen und Verstehen durch Zerstückelung und Neumontage von Textteilen und durch das Dazudichten schlechter Texte. Wer das Stück nicht kennt, wird nicht einmal den Handlungsablauf nachvollziehen können. Die Botschaft des Abends ist: unsere Welt lässt sich nicht mehr verstehen. Das ist eine ziemlich reaktionäre Haltung.

 

Dürrenmatt hat, so der Untertitel, «eine tragische Komödie» geschrieben. In Luzern bleibt von der Tragik vor allem dick aufgetragene Weinerlichkeit. Von Humor, Ironie, Sarkasmus kaum noch eine Spur. Die Figuren haben viel Selbstmitleid mit sich, sind weitab von uns, ferne Klamotten und Jammerlappen. Auch Dürrenmatts Freude am Theater, am Spiel, am naiven Witz – etwa wenn die Bürger Wald spielen – oder seine Freude an der Sprache sind verschwunden. Selbst Claire Zachanassian ist als Figur – blass. Das ist fast schon wieder eine Leistung.

 

Leider nehmen die Luzerner auch das Tragische an dieser Komödie nicht ernst. Am Ende des ersten Aktes steht ja Geld gegen Humanismus – der Humanismus aber wird in Luzern denunziert. In einer Filmsequenz kreischt eine lächerliche Figur über einen menschenleeren See humanistische Botschaften. Dieses Abservieren des Humanismus ist unrealistisch, überheblich – und unnötig, denn Dürrenmatt hätte mehr zu bieten: eine Kritik des Humanismus.

Friedrich Dürrenmatt

Zu einem allerdings taugt die Luzerner Inszenierung: Zum Anlass, das Stück wieder zu lesen und seine Aktualität zu entdecken. «nichts ist ungeheurer als die Armut» schreibt Dürrenmatt am Schluss in seiner Parodie des Sophokleischen Antigone-Chores («Ungeheuer ist viel. Doch nichts / ungeheurer als der Mensch»). Wie Armut – oder auch nur das Gefühl, relativ arm zu sein – Gewalt hervorbringt, das kann man derzeit im Osten Deutschlands beobachten. Das Monster Claire Zachanassian ist eine der seltenen phantastischen, frei erfundenen Mächtigen, die den realen politisch und ökonomisch Mächtigen gewachsen ist. Man muss die Zeitungslektüre nicht vergessen, wenn man in Dürrenmatts Theater geht. Zachanassian muss sich nicht verstecken vor Trump oder Bolsonaro. Dass sie jünger besetzt ist als üblich, könnte durchaus funktionieren, wenn sie an den Typus der attraktiven, aggressiven Draufgängerin von heue erinnern würde. Dürrenmatt hat auch den grossen Vorteil, widersprüchliche Figuren geschaffen zu haben. Pfarrer wie Lehrer versuchen gelegentlich, Ill zu retten, sind gleichzeitig aber auch erbärmliche Konformisten und Mitmacher – wie die meisten von uns. Dürrenmatt fragt ja, was von der Menschlichkeit noch übrig bleibt, wenn der Wohlstand nachlässt – keine unaktuelle Frage. Und vor allem – da ist das Stück sehr heutig: Er zeigt, wie man einen Mord (pseudo-) demokratisch absichern kann. Das ist, angesichts der «illiberalen Demokratie», das Thema der Stunde.

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